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DIE INDUSTRIELLE REVOLUTION IN GROSSBRITANNIEN

Den Beginn der ,,Industrielle Revolution" kann England für sich verbuchen, weil dort am frühesten die für diese Entwicklung notwendigen  Bedingungen bestanden: nämlich ein großer Vorrat an Kohle, keine übernommenen, wirtschaftlichen Barrieren (z.B. Zünfte) und keine innerstaatlichen Zollgrenzen, ein stabiles wirtschaftliches System und eine geographische Position, die England von den kontinentaleuropäischen Umwälzungen weitestgehend isolierte.

Ein wichtiger auslösender Faktor für die ,,Industrielle Revolution" war das starke Bevölkerungswachstum zwischen 1760 und 1830, in dieser Periode stieg die Zahl der Einwohner von ca. 7 Mio. auf 16,5 Mio. an. Einher ging diese Entwicklung mit zahlreichen wichtigen Erfindungen in diversen Industriezweigen.

Metallverarbeitende Industrie

Genannt seien hier beispielhaft die Dampfmaschine (James Watt, 1769), sowie zahlreiche  Entwicklungen  in der Textilindustrie, wobei die Spinning Jenny von Hargraeves, 1767, wohl die bekannteste ist. Aber alle diese Erfindungen waren in letzter Konsequenz von zwei Rohstoffen abhängig: Kohle und Stahl (Eisen).

Die Kohle kann als der unverzichtbarer Grundstoff hinter jedem Aspekt der Industrialisierung betrachtet werden, denn sie wurde nicht nur für die Eisen- u. Stahlproduktion benötigt, welche wiederum, dank nun verbesserter Verfahrensweisen von Abraham Darby (1711) und Henry Cort (1784) das Ausgangsmaterial für den Maschinenbau lieferte, der erst die Errichtung von Fabriken (im Gegensatz zu den Manufakturen) ermöglichte.

Kohle war auch unverzichtbar für die Entwicklung der Eisenbahn und den Einsatz der Dampfmaschine, die erst einer Vielzahl von Industrien, wie etwa der Keramik-Produktion, dem Ingenieurbau, Kornmühlen und der Papierindustrie große Fortschritte ermöglichte.

Hier schließt sich der Kreis, denn die stark steigende wirtschaftliche Nachfrage wurde durch die schnell wachsende Bevölkerung sowohl bedingt als auch notwendig. Zur einen standen damit billige Arbeitskräfte, zum anderen Konsumenten zur Verfügung, die die hergestellten Waren benötigten und ihre massenhafte Produktion erst rentabel werden ließen. Auf die oft erschreckenden sozialen Auswirkungen und die Auswüchse dieser Entwicklung sei hier nur verwiesen.

Das steigenden Produktionspotential und die effizienteren Produktionsmethoden allein hätten nicht ausgereicht, die Waren mussten  auch  zum  Verbrauch transportiert werden können. Dies war allerdings mit den hergebrachten Methoden des Straßen- und Flusstransportes nicht zu bewältigen. Die Straßen befanden sich  zumeist in sehr schlechtem Zustand. Die Flüsse durch ungleiche Wasserstände sowie Eisbildung im Winter fielen  als verlässliche Transportwege aus.

Daher ist als weiterer wichtiger Bereich für die ,,Industrielle Revolution" die Entwicklung des Transportsektors zu nennen, die zunächst mit einem intensiven Kanalaus- und Neubau begann und ihren Höhepunkt mit dem Bau der Eisenbahn fand. (Ein wichtiges Ingredienz war Kapital, welches jetzt vermehrt in lukrativ erscheinende Projekte investiert wurde, worin sich ein wichtiger Wandel in den Perspektiven der Geldbesitzer verdeutlicht, die zunehmend risikobereiter wurden).

Die  Einführung von eisernen  Schienen im Jahre 1767 in den Coalbrookdale Eisenwerken erleichterten den Transport von Kohle in einem eng begrenztem Gebiet.

Das Problem des Transports dieses Rohstoffes über weite Strecken wurde zunächst durch die Anlage von Kanälen gelöst und erst später durch die Eisenbahnen.

Transport. Kanäle:

Kanäle wurden, ebenso wie später die Eisenbahnen, überwiegend  von privaten Gesellschaften erbaut und betrieben. Der erste war der 1757 errichtete Sankey Brook Canal auf dem überwiegend Kohle von den Minen bei St. Helens bis zum Fluss Waaver befördert wurde. Er war so profitabel, daß diese Kanalgesellschaft in den folgenden Jahren 33,1/3 % Dividenden ausschütten konnte. Der eigentliche Beginn der Kanalära begann aber mit dem Bridqewater Canal, eröffnet 1761. Benannt und initiiert wurde diese Wasserstraße vom Herzog von Bridgewater, der auf diesem Wege die Kohlen seiner Minen bei Worseley kostengünstig nach Manchester beförderte. Als weiterer wichtiger Kanal sei hier der Grant Trunk Kanal genannt, der zwischen 1766 und 1777 angelegt wurde.

Insgesamt lässt sich feststellen, daß Kanäle einen entscheidenden Beitrag während der ersten Phase der ,,Industriellen Revolution" leisteten, denn die Länge des Kanalnetzes stieg von 2240 km im Jahre 1760 auf 6.500 km im Jahre 1850. Einst wurde auf diesen Wasserwegen ca.  30 Mio. Tonnen Güter befördert. Auf den Kanälen arbeiteten 1841 schätzungsweise 100.000 Menschen. Die Kanäle bewirkten außerdem einen sehr starken Preisverfall, besonders der Lebenshaltungskosten, weil die Transportkosten im Gegensatz zum Straßentransport lediglich ca. 1/2 bis 1/4 so hoch waren.

Letztlich aber waren die Kanäle der Konkurrenz der Eisenbahn nicht gewachsen, zumal es versäumt wurde, eine Standardisierung der Kanäle zu erreichen (z.B. in Bezug auf Breite und Tiefgang, sodass ein häufiges Umladen der Güter unvermeidlich war. Außerdem war aufgrund der vielen lokalen Gesellschaften kaum eine Preisvereinbarung für einen Transport über eine längere Strecke, bei dem die Benutzung mehrerer Kanäle notwendig wurde, möglich.

Transport:Eisenbahnen:

Die Eisenbahn prägt fast das gesamte 19. Jahrhundert als das wichtigste, billigste und effektivste Transportmittel seiner Zeit, welches zudem höhere Flexibilität als Kanäle bot.

Die  Eisenbahn  war das Beförderungsmittel der zweiten Phase der ,,Industriellen  Revolution" und begann ihre Karriere am Höhepunkt der Kanalbenutzung (in den l83Oer Jahren). Ihren Erfolg verdankt sie der Entwicklung von eisernen  Schienen, die aus immer härteren Stahl gefertigt wurden und der Lösung des Problems, auf ihnen Steigungen überwinden zu können sowie dem Bau von Lokomotiven, die in der Lage waren, größere Gütermengen zu bewegen. Letztere Aufgabe wurde von George Stephenson, dem Vater der berühmten Rocket (1829) gelöst. Diese konnte zudem schneller (Geschwindigkeit knapp 50 kmh) und energiesparender betrieben werden, als die Konkurrenzmodelle. Sein Debüt als Vater des Eisenbahnwesens gab Stephenson allerdings mit der Errichtung der Stockton and Darlington Railway.

John Francis schreibt in seinem Werk „History of the English Railway“ im Jahre 1851:“

Georg Stephenson wurde in einer kleinen Hütte in Newcastle geboren und starb als Eigentümer eines schönen Landsitzes in Tapton; er begann sein Leben auf einem Kohlenhaufen und beendete es in einem Herrenhause; er setzte die Uhren der Bauern wieder in Stand, um für seinen Sohn das Schulgeld entrichten zu können und sah am Lebens-Ende denselben als Mitglied des Parlaments; er aß in seiner Jugend sein Mittagbrod im Kohlenbergwerk von Killingworth und machte in seinem Alter sich das Vergnügen, mit einem Herzog in der Gartenkunst zu wetteifern; er lehrte Arithmetik für vier Pence in der Woche und baute die schwierigsten Eisenbahnen des Königreichs; er wurde vom ersten Minister um Rath gefragt, empfing vom König Ehrenbezeugungen, war ein liebreicher Sohn, ein treuer Freund und ein liebevoller Vater. Der Name des Georg Stephenson ist einer derjenigen, dem Ehre zu erweisen sich Jedermann als ein Vergnügen anrechnet. Sein Leben war für die Welt ein wahres Beispiel. .. Georg Stephenson begann im Alter von vierzigJahren – er war damals ein reifer, wohl unterrichteter Mann – sein erstes wichtiges Werk: er wurde damals von Herrn Pease aufgefordert, ihm beim Bau der Eisenbahn Stockton-Darlington Hilfe zu leisten. Für Beide ehrenwert ist es, dass die Eigentümer ihm als Ersatz für die Sorgfalt, mit welcher er ihre Interessen wahrgenommen hatte, Geld vorstreckten, um mit dem Bau einiger Locomotiven zu beginnen. Dieser Tätigkeit in der Fabrik, welche letztere uns jetzt als diejenige von Robert Stephenson & Co bekannt ist, kann sein hübsches Vermögen zugeschrieben werden. In demselben Jahre wie sein eigener Herr wurde er Ingenieur bei der Liverpool-Manchester-Eisenbahn. Von dieser Zeit ab ist sein Name mit der Eisenbahn verknüpft; er ist ein Teil und Stück der Locomotive selbst; um das Jahr 1824 hatte er bereits sechzehn solcher Maschinen hergestellt. Die Locomotive war das Kind seiner Verstandes-Tätigkeit, die Schöpfung seines eigenen Könnens, mit der eigenen rechten Hand gearbeitet, das Erzeugnisse seiner eigenen Geschicklichkeit.

Vom Jahre 1840 ab, als Georg Stephenson die Herstellung der Locomotiven seinem Sohne überließ, war sein Leben eine fortdauernde Ovation. Minister und Fürsten ehrten ihn. Der Belgische Monarch gewährte ihm die Ritterwürde. Die Bildhauer verewigten seine Gestalt in Marmor. Männer der Wissenschaft erkannten seine Bedeutung an, Männer des Handels waren stolz auf ihn. ... Vom Fieber darniedergeworfen, litt er nur wenige Tage; er starb am 12. August 1848, im Alter von 68 Jahren. „

 



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